Deutschland stagniert in der Autokultur, während China voranschreitet

-Meinungsartikel-

HAMBURG – Diese Schilder am Straßenrand mit großen Smileys sind sehr schön. Nur noch 10 Kilometer Bauzeit! Und da wir schon langsam vorankommen: Es ist seltsam, wie viele Benzinautos immer noch auf den Straßen unterwegs sind.

Wer mit dem Auto in den Sommerurlaub in Deutschland fährt, sei es an die Ostsee oder an den Gardasee, wird dank des endlosen Baustellenverkehrs vermutlich reichlich Zeit zum Nachdenken haben. Und es wird nicht besser werden. Das liegt natürlich daran, dass Leute wie wir den Verkehr verursachen. Es liegt aber auch daran, dass die Bundesregierung einem überraschend einfachen Motto zu folgen scheint: Wenn es um Autos, die Autoindustrie und den Verkehr geht, soll alles so bleiben wie bisher, nur mehr von allem. Deutschland, das Land der Oldtimer. Ein Land, das gefährlich stagniert.

Frühere Regierungen haben es auch nicht geschafft, eine bessere Mobilitätszukunft zu entwerfen. Aber immerhin forderten Politiker auf breiter Front, was Automobilmanager einst versprochen hatten: sauberere Fahrzeuge und einen besseren Mix an Transportmitteln, um Autos aus den Innenstädten fernzuhalten: „Die Transportrevolution“. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätten sich Automobilunternehmer nicht gegen ein Tempolimit von 130 km/h ausgesprochen (auf den wichtigsten deutschen Autobahnen gibt es bekanntlich kein Tempolimit).

Jetzt ist das Thema gar nicht mehr auf dem Tisch. Im Gegenteil: Alles, was einst fortschrittlich schien, gilt heute als veraltet.

alte Mythen

Bundeskanzler Friedrich Merz will an dem alten Mythos festhalten, der das Land in der Nachkriegszeit aufgebaut hat: der Automobilindustrie und ihrem Kultprodukt, dem Automobil von gestern. Nun werden Milliarden aus einem Spezialfonds in den Ausbau der Infrastruktur, insbesondere der weltberühmten deutschen Autobahn, investiert. Nur 13.000 Kilometer? Sicherlich lässt sich das verbessern. Die Steuerentlastung für Pendler, die bereits so hoch ist, dass Alternativen zum Auto unattraktiv werden, wird erhöht. Und natürlich sind Firmenwagen weiterhin von der Steuer befreit.

Der weltweit größte Ladepark am Bahnhof Merklingen, Baden-Württemberg, Deutschland, im Juni 2025. 259 überdachte Stationen für Elektroautos befinden sich unter zwei Dächern mit einer Länge von jeweils 160 und 190 Metern. Foto: Imago über ZUMA

Das Elektroauto wird immer noch als Auto zweiter Klasse behandelt. Die Regierung lehnt Quoten für Elektrofahrzeuge ab und lässt lieber die Unternehmen alles nach ihren eigenen Bedingungen entscheiden. Im aktuellen Handelsstreit ließ Merz sogar zu, dass deutsche Autohersteller versuchen, einen eigenen Deal mit den USA auszuhandeln – auf Kosten der Europäischen Union, deren Stärke in der Einigkeit liegt.

Auch die nostalgische Verbundenheit dieser Regierung mit Verbrennungsmotoren wird den Wohlstand nicht schützen.

Merz und sein Stellvertreter Lars Klingbeil hoffen, die Ruhe wiederherzustellen, indem sie den anhaltenden Wandel stoppen. Doch seine Industrie- und Verkehrspolitik wird das Chaos auf den Straßen nicht lösen. Sie werden die Klimaziele untergraben. Auch die nostalgische Verbundenheit dieser Regierung mit Verbrennungsmotoren wird den Wohlstand nicht schützen. Andere Länder bauen inzwischen hervorragende, oft günstigere Autos, allen voran China. Übrigens dominieren auch Verbrennungsmotoren.

Natürlich sollte Deutschland nicht leichtfertig aufgeben, was es am besten kann. Doch wer den Mythos am Leben erhalten will, muss den Wandel aktiv unterstützen.

Die Zukunft ist elektrisch

Die Zukunft wird elektrisch sein, einfach weil es erschwinglicher sein wird. Anstatt sich dieser Realität zu entziehen und europäische Quotenregeln zu umgehen, sollte die Regierung endlich dafür sorgen, dass es genügend grünen Strom gibt.

Genau das wird übrigens in großen Mengen benötigt, wenn Merz‘ Mitte-Rechts-CDU/CSU-Bündnis und einige Automanager ihren Wunsch erfüllen: Verbrennungsmotoren, die mit synthetischen Kraftstoffen betrieben werden. Klingt großartig. Außer, dass die Energieeffizienz schlecht ist. Mit der gleichen Energiemenge können Elektrofahrzeuge 500 Kilometer und mehr zurücklegen, im Vergleich zu nur 100 Kilometern mit synthetischen Kraftstoffen. Die Werbung für diesen Kraftstoff als ernsthafte Alternative verwirrt und verunsichert nur die Kunden, ganz zu schweigen von den Mitarbeitern und Wählern.

Deutschland wird die Welt nie wieder allein durch industrielles Know-how oder Metallbiegen dominieren.

Und wer den Mythos am Leben erhalten will, muss sich auch den Tatsachen stellen: Deutschland wird die Welt nie wieder allein durch Industrie-Know-how oder Metallbiegen dominieren. Die Zukunft liegt in der digitalen Innovation, im Auto und in der Gesellschaft. Im Auto von morgen wird die Software komplexer sein als der Motor.

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